DIE DRITTE KAMMER - INTANGIBLE ASSETS (Sindelfingen 2000)


Das Bild ist ein Modell

Eine Utopie will nicht wirklich werden, sondern wirksam sein. Dieser Widerspruch beschreibt einen ihrer elementaren Wesenszüge. Utopische Erfindungen, deren Realitätsgehalt von Vorgriffen auf die Zukunft, aber auch Rückgriffen auf die Vergangenheit stark gedehnt wird, sind geprägt von dieser Differenz zwischen Wirklichkeit und Wirksamkeit. Eine Utopie konzipiert sich auf der Entwurfsebene. Die entstehenden Entwürfe reichen in das Innerste des Menschen, an seinen unberührbaren Kern, um dort in ihm etwas zum Klingen zu bringen, was normalerweise vor den zudringlichen Blicken der anderen geschützt ist. Ihr Ursprung liegt im Archetyp des "Utopos", was soviel wie heiliger, nicht betretbarer Ort bedeutet. Da der "Utopos" schwer in Kategorien zu fassen ist, stellt man ihn eher in Gleichnissen, Metaphern und Geschichten dar. Jeder Plan, der an die Grenzen seiner Vollkommenheit getrieben worden ist, hat also die Utopie berührt. Daraus folgt, daß jede Utopie - sei sie nun politisch, künstlerisch oder religiös - etwas an sich hat, das über ihre bloße Gestalt hinaus auf ein "Nirgendwo" verweist. Dieses "Nirgendwo" ist ein Sehnsuchtsort, der Energien freisetzt, die Impulse zur Gestaltung der Welt an die Wirklichkeit abgeben - auch wenn diese Umsetzungen dann von den Utopien selbst weit entfernt erscheinen. Von Interesse aber ist nicht der Aspekt der Nähe zur möglichen Verwirklichung, sondern die geistige Wirkkraft, die durch ein vorläufiges gedankliches Zuweitgehen erzeugt wird und die auch zunächst abwegig erscheinende Erfindungen in ihrem Bannkreis duldet.

(Abbildung: Die Dritte Kammer - Hain,
2000, 100 x 150 cm, Öl auf Holz)